Dienstag, 26. August 2014

Bwah



Heuchler. Heuchler überall. Überall von man hinsieht.
Moralapostel, Mitläufer, laut plärrende Blindgänger, die nur einen Schritt nach Vorne sehen, und dabei das Gesamtbild und Prioritäten aus den Augen verlieren. Mir wird einfach nur schlecht, wenn ich das Geschrei so ansehe.
Vielleicht mache ich mir jetzt ein paar Feinde. Aber das geht mir hinten an London vorbei, wenn ich ehrlich bin, weil mich dieses furchtbare Verhalten nur noch wütend macht.

Es ist immer so leicht, rumzumeckern, wie ein kleines Kind zu plärren und laut zu sein, wenn man sich klitzekleine Teile aus einem Puzzle herauspickt und es dann unglaublich ungerecht findet, wenn man das direkt passende nicht sofort findet. Dann ist es nur noch leichter zu behaupten, das Puzzle sei unvollständig und es ist furchtbar ungerecht und gemein, dass man ein unvollständiges, fehlerhaftes Puzzle vorgesetzt bekommt.

Zuerst gibt es eine riesige Aufruhr, weil sich Menschen für einen guten Zweck eiskaltes Wasser über den Kopf kippen. Aufmerksam machen auf eine Krankheit, von der die meisten Menschen noch nie etwas gehört haben. Von der die meisten Menschen keine Ahnung haben. Warum es Eiswasser ist? Weil man damit für einen kleinen Moment nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt, wenn der Atem wegbleibt. Wenn die Muskeln versagen. Wenn die Panik einsetzt. Die erste Argumentation : Wasserverschwendung. Kinder in Afrika sterben, weil sie nicht genug Wasser haben. Wir müssen sparen.
Achja? Wir müssen sparen? Wenn ich hier Wasser spare, kommt dann das kleine Afrikaflugzeug und nimmt meine gesparten Eimer Wasser mit rüber und schenkt sie einem armen Kind? NEIN. Was diese lautplärrenden Babies dann auch nicht wissen, ist, dass das Kanalsystem und unsere Kläranlagen versagen, wenn nicht soundsoviele Liter Wasser durchfließen und dass es teilweise schon sehr kritische Zustände gegeben hat. Wer also Wasser sparen möchte, kann dann demnächst den netten Nachbarn fragen, ob er sich viellet gerade in sein persönliches Ökosystem entleeren möchte und kann – denn das wird uns erwarten, wenn das System versagt! Vielleicht verbrauchen wir im Durchschnitt ein bisschen zuviel, aber zuviel Sparen und Geschrei und Panik erreicht das Gegenteil. 

Die zweite Argumentation, die jetzt breitgetreten wird, ist das Anführen der Tierversuche. Um hier gleich ungerechtfertigte Anschuldigungen im Keim zu ersticken: Ich bin definitiv GEGEN Tierversuche. Vor allem die, die nicht unbedingt sein müssen, wenn sich Leute schwarze Farbe um die Augen schmieren wollen. Und wenn jemand meinem Hund zu nahe kommt, werde ich ihm garantiert was ausreißen, das er sehr vermissen wird. Aber sehen wir uns doch auch mal hier das größere Bild an, bevor wir mal wieder den Hals nicht zu schnell frei kriegen:
Jeder von uns, aber auch jeder, hat innerlich Heidenangst vor.. Ebola. Aids. Krebs. ALS. MS… und all den furchtbaren Krankheiten, die einen von jetzt auf gleich befallen können, ohne dass man effektiv dagegen etwas tun kann. Sogar den Umgang mit Diabetes hat man Schweinen zu verdanken! Wenn ihr eine Fall von so einer Krankheit in der Familie, im engsten Umkreis habt, dann wird niemand mehr dagegen pochen, sondern mit allen Mitteln versuchen, irgendwo ein bisschen Hilfe herzubekommen, um sich verzweifelt an etwas klammern zu können, um das Leben zu verlängern. Oder stell dir bloß vor, es trifft DICH. Du kriegst deine Diagnose morgen. Da fragst du nicht, wo deine Medikamente herkommen, du bist bloß froh, wenn es etwas gibt, dass dich eventuell vor Leiden bewahrt. Denn darum geht es hier: Schadensbegrenzung und Prioritäten setzen .
So gemein das klingt, und so sehr ich Tiere liebe, der Mensch ist immer noch wichtiger als das Tier. Wenn ein Haus brennt und du die Wahl hast, deinen Mann, deine Kinder, oder deinen Hund zuerst rauszuholen, dann wird der Hund als letzter geholt. Ich sage nicht, dass der Hund nicht geholt wird, er wird eben nur später geholt. Es gibt Dinge, die wichtiger sind. Vielleicht sind wir irgendwann so weit, dass man Tierversuche einschränken kann, aber noch sind sie unerlässlich im Kampf gegen Schmerz, Leid und Tod. Wer so unendlich dagegen ist, kann sich auch freiwillig zum Testen melden. Niemand, der da draußen etwas braucht, möchte ungetestete Medikamente und Seren zu sich nehmen und womöglich noch irgendetwas Schlimmeres bekommen.

Wenn neben dir dein Kind qualvoll und langsam erstickt, weil du dagegen bist, dass ALS genügend erforscht wird, weil sie Tiere brauchen, um voranzukommen, dann glaube ich nicht, dass all dein Geschrei, dein Geplärre, dein kindisches „Ich-guck-nur-auf-heute“-Verhalten dir im Endeffekt genützt hat. 

Es ist unglaublich einfach, zu Dingen aufzurufen, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist, und nicht das gesamte Gemälde betrachtet. Aber stell dir doch einfach einmal vor, das wärst du. Die Mutter, mit dem betroffenen Kind. Die Frau, mit dem betroffenen Mann. Der Mann, der seine Frau zu Grabe trägt, nachdem er ihren Todeskampf hautnah erlebt hat. Der Sohn, der seinem Vater nicht mehr richtig Lebewohl sagen konnte, weil irgendwie alles zu schnell ging.
Dann würdest du dir wünschen, es hätte Lösungen und Hilfen gegeben. Egal wie. Egal womit. Egal mit welchen Mitteln.

Heuchler. Heuchler überall.

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