Heuchler. Heuchler überall. Überall von man hinsieht.
Moralapostel, Mitläufer, laut plärrende Blindgänger, die nur
einen Schritt nach Vorne sehen, und dabei das Gesamtbild und Prioritäten aus
den Augen verlieren. Mir wird einfach nur schlecht, wenn ich das Geschrei so
ansehe.
Vielleicht mache ich mir jetzt ein paar Feinde. Aber das
geht mir hinten an London vorbei, wenn ich ehrlich bin, weil mich dieses
furchtbare Verhalten nur noch wütend macht.
Es ist immer so leicht, rumzumeckern, wie ein kleines Kind
zu plärren und laut zu sein, wenn man sich klitzekleine Teile aus einem Puzzle
herauspickt und es dann unglaublich ungerecht findet, wenn man das direkt
passende nicht sofort findet. Dann ist es nur noch leichter zu behaupten, das
Puzzle sei unvollständig und es ist furchtbar ungerecht und gemein, dass man
ein unvollständiges, fehlerhaftes Puzzle vorgesetzt bekommt.
Zuerst gibt es eine riesige Aufruhr, weil sich Menschen für
einen guten Zweck eiskaltes Wasser über den Kopf kippen. Aufmerksam machen auf
eine Krankheit, von der die meisten Menschen noch nie etwas gehört haben. Von
der die meisten Menschen keine Ahnung haben. Warum es Eiswasser ist? Weil man
damit für einen kleinen Moment nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt, wenn
der Atem wegbleibt. Wenn die Muskeln versagen. Wenn die Panik einsetzt. Die
erste Argumentation : Wasserverschwendung. Kinder in Afrika sterben, weil sie
nicht genug Wasser haben. Wir müssen sparen.
Achja? Wir müssen sparen? Wenn ich hier Wasser spare, kommt
dann das kleine Afrikaflugzeug und nimmt meine gesparten Eimer Wasser mit rüber
und schenkt sie einem armen Kind? NEIN. Was diese lautplärrenden Babies dann
auch nicht wissen, ist, dass das Kanalsystem und unsere Kläranlagen versagen,
wenn nicht soundsoviele Liter Wasser durchfließen und dass es teilweise schon
sehr kritische Zustände gegeben hat. Wer also Wasser sparen möchte, kann dann
demnächst den netten Nachbarn fragen, ob er sich viellet gerade in sein
persönliches Ökosystem entleeren möchte und kann – denn das wird uns erwarten,
wenn das System versagt! Vielleicht verbrauchen wir im Durchschnitt ein
bisschen zuviel, aber zuviel Sparen und Geschrei und Panik erreicht das
Gegenteil.
Die zweite Argumentation, die jetzt breitgetreten wird, ist
das Anführen der Tierversuche. Um hier gleich ungerechtfertigte Anschuldigungen
im Keim zu ersticken: Ich bin definitiv GEGEN Tierversuche. Vor allem die, die
nicht unbedingt sein müssen, wenn sich Leute schwarze Farbe um die Augen
schmieren wollen. Und wenn jemand meinem Hund zu nahe kommt, werde ich ihm
garantiert was ausreißen, das er sehr vermissen wird. Aber sehen wir uns doch
auch mal hier das größere Bild an, bevor wir mal wieder den Hals nicht zu
schnell frei kriegen:
Jeder von uns, aber auch jeder, hat innerlich Heidenangst
vor.. Ebola. Aids. Krebs. ALS. MS… und all den furchtbaren Krankheiten, die
einen von jetzt auf gleich befallen können, ohne dass man effektiv dagegen
etwas tun kann. Sogar den Umgang mit Diabetes hat man Schweinen zu verdanken!
Wenn ihr eine Fall von so einer Krankheit in der Familie, im engsten Umkreis
habt, dann wird niemand mehr dagegen pochen, sondern mit allen Mitteln
versuchen, irgendwo ein bisschen Hilfe herzubekommen, um sich verzweifelt an
etwas klammern zu können, um das Leben zu verlängern. Oder stell dir bloß vor,
es trifft DICH. Du kriegst deine Diagnose morgen. Da fragst du nicht, wo deine
Medikamente herkommen, du bist bloß froh, wenn es etwas gibt, dass dich
eventuell vor Leiden bewahrt. Denn darum geht es hier: Schadensbegrenzung und
Prioritäten setzen .
So gemein das klingt, und so sehr ich Tiere liebe, der
Mensch ist immer noch wichtiger als das Tier. Wenn ein Haus brennt und du die
Wahl hast, deinen Mann, deine Kinder, oder deinen Hund zuerst rauszuholen, dann
wird der Hund als letzter geholt. Ich sage nicht, dass der Hund nicht geholt
wird, er wird eben nur später geholt. Es gibt Dinge, die wichtiger sind.
Vielleicht sind wir irgendwann so weit, dass man Tierversuche einschränken
kann, aber noch sind sie unerlässlich im Kampf gegen Schmerz, Leid und Tod. Wer
so unendlich dagegen ist, kann sich auch freiwillig zum Testen melden. Niemand,
der da draußen etwas braucht, möchte ungetestete Medikamente und Seren zu sich
nehmen und womöglich noch irgendetwas Schlimmeres bekommen.
Wenn neben dir dein Kind qualvoll und langsam erstickt, weil
du dagegen bist, dass ALS genügend erforscht wird, weil sie Tiere brauchen, um
voranzukommen, dann glaube ich nicht, dass all dein Geschrei, dein Geplärre,
dein kindisches „Ich-guck-nur-auf-heute“-Verhalten dir im Endeffekt genützt
hat.
Es ist unglaublich einfach, zu Dingen aufzurufen, wenn man
nicht unmittelbar betroffen ist, und nicht das gesamte Gemälde betrachtet. Aber
stell dir doch einfach einmal vor, das wärst du. Die Mutter, mit dem
betroffenen Kind. Die Frau, mit dem betroffenen Mann. Der Mann, der seine Frau
zu Grabe trägt, nachdem er ihren Todeskampf hautnah erlebt hat. Der Sohn, der
seinem Vater nicht mehr richtig Lebewohl sagen konnte, weil irgendwie alles zu
schnell ging.
Dann würdest du dir wünschen, es hätte Lösungen und Hilfen
gegeben. Egal wie. Egal womit. Egal mit welchen Mitteln.
Heuchler. Heuchler überall.
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