Tap tap tap
Es war das unverkennbare Klatschen von nackten Fußsohlen auf
das unerbittliche Pflaster, das in der Nacht verhallte. Die, die es hören
konnten, schlossen die Vorhänge vor den Fenstern zu und das Geräusch damit zu
gleicher Zeit aus.
Tap tap tap
Sie lief und lief. Ihre Füße fast an der Grenze zu
zerschunden und blutig. Ihr Blut schnell und rauschend in ihrem Körper, ihren
Ohren, laut und hörbar, ungleichmäßig. Sie keuchte. Sah ihren eigenen
Lebensodem wie feinen Nebel vor ihrem Gesicht auftauchen und schnell wieder
verschwinden. Schritt für Schritt ließ sie ein Stück von sich selbst hinter
sich zurück. Ihre Lunge brannte, suchte gierig und verzweifelt nach genug Luft,
um die Kraft zu behalten. Ihre Füße schmerzten, doch sie lief ungnädig weiter.
Ließ den Schmerz hinter sich, verlief den Schmerz ihres Körpers, den Schmerz
ihrer Seele in der Dunkelheit. Langsam ging der Mond hinter ihr auf, tauchte
die unwirkliche Szenerie inmitten einer glasigen Winternacht in eisiges
Unlicht. Gegen den Himmel erhoben sich die Zweige des nackten Waldgeästs vor
der Stadt wie überlange, suchende Hände.
Tap tap tap
Der Nebel ihres Atems verband sich mit dem Nebel, der über
den Boden kroch. Er griff mit seinen kalten Dunstfingern nach ihren Haaren, ließ
sie gehen und doch nicht los. Er war überall, in ihr, auf ihr, unter ihr.
Unaufhaltsam trugen ihre Beine sie weiter. Der Schmerz grenzenlos und doch bald
unspürbar. Verdrängt, versteckt, überlagert von den Schmerzen in ihrem
Innersten. Jede Faser schrie in die Nacht, schrie nach Erlösung, schrie
Hoffnung, schrie nach dem Licht, das schon so lange fort war. Eine Seele in
Scherben, ein Herz in Stücken, das Innerste ein einziges Scherbenchaos.
Tap tap tap
Sie ließ die Menschensiedlung und den nachtgetränkten Wald
hinter sich, floh über leere Einöden, wohlwissend und bestimmend, wohin ihr Weg
sie führen würde. Ihr Ziel in greifbarer Nähe und doch noch so fern. Der Mond
schien zu lächeln, wies ihr den Weg, doch anteilnahmslos und kalt. Der Frost
legte sich über den Nebel, ließ ihn verschwinden, versinken in kristallinen
Formen und Farben, legte sich auf sie, betäubte den äußeren Schmerz noch mehr,
nahm jegliche Empfindung von ihr. Für einen Moment herrschte Erleichterung in
der ganzen Ebene, bis das
Tap tap tap
Die Stille des Untages wieder zerriss. Es war das
unverkennbare Klatschen von nackten Fußsohlen auf dem gefrierenden Boden des
gelebten Tages. Schritt für Schritt ließ sie etwas von sich zurück. Verlor sich
im stetigen Rhythmus des Laufens, dem Rhythmus ihres Keuchens und dem lauten
Pochen des eigenen Pulses im kochenden Lebenssaft ihrer Adern. Alles verband
sich zu einer einzigen Lebensmelodie, traurig, melancholisch, sehnsüchtig. Es
schwoll in der Luft an, erreichte unhörbare Atmosphären und verhallte doch
unbemerkt und ungehört. Der stumme Schrei ihrer zerbrochenen Existenz. Ein
ewiger Kreislauf, den sie zu durchbrechen suchte. Sie lief weiter.
Tap tap tap
Begleitete sie treu den ganzen Weg über, gab ihr die Kraft
weiterzugehen, auch wenn es gleichzeitig die Kraft nahm. Umgarnte sie, umgab
sie, verhüllte ihre Gestalt in frostiger Klarheit unter den leuchtenden
Gestirnen höherer Sphären. Streiflichter einer dunklen Vergangenheit umflogen
de Kopf gegen den Himmel, krochen zäh aus ihren Poren, blieben an der kalten
Oberfläche. Fielen ab, fielen zu Boden und blieben zurück. Sie lief und legte
alles ab, weswegen sie rannte. Wurde zum bloßen Sein einer nackten, gebrochenen
Existenz, ein Wesen ohne wirkliches Bewusstsein. Sie wusste, dass sie rannte,
weil es etwas gab. Weil es etwas gegeben hatte. Etwas, das ihr das Leben
geraubt hatte. Das sie tot zurückließ. Tot und geschunden.
Tap tap tap
Ihre Schritte verlangsamten sich. Unverkennbar das Klatschen
nackter Fußsohlen auf nun mehr felsigem Grund. Das Ziel kam immer näher, ihr
Mut brach sich Bahn. Fast mit Genuss legte sie die letzte Entfernung hinter
sich, erreichte ihr Ziel und fiel.
Während des Fallens legte sich ein Lächeln von Erleichterung
auf ihr Gesicht.
Die Erlösung war erreicht.
Endlich.
Tap tap tap